Der dritte Freitag im März. Ein Kollege tippt mir eine Nachricht: „Heute ist Hexensabbat, oder?" Ich schaue auf den Kalender, dann auf den DAX, dann wieder auf den Kalender. Und genau da liegt das Missverständnis, das ich in den letzten Jahren immer wieder höre: Die Leute erwarten ein Beben, und stattdessen passiert – erstmal – fast nichts.

Denn der Hexensabbat ist kein Crash-Tag. Er ist ein Abwicklungstag. Ein bürokratischer Termin, an dem tonnenschwerer Papierkram in Form von Derivaten gleichzeitig fällig wird. Was ihn so berühmt-berüchtigt macht, ist weniger die Mechanik als der Name – und der hat rein gar nichts mit Börsen zu tun. Zumindest nicht ursprünglich.

Wichtige Erkenntnisse

  • Der Hexensabbat an der Börse heißt offiziell großer Verfallstag und findet viermal im Jahr statt – am dritten Freitag im März, Juni, September und Dezember.
  • An diesem Tag laufen Futures und Optionen auf Indizes und Einzelaktien gleichzeitig aus. Das sorgt für hohe Umsätze, nicht automatisch für Kursstürze.
  • Die vier Termine 2026: 20. März, 19. Juni, 18. September, 18. Dezember.
  • Der Name stammt aus dem Aberglauben um Hexenversammlungen – nicht aus der Finanzwelt.
  • Für Privatanleger ist die wichtigste Regel: nicht in Panik verfallen, sondern die eigenen Derivate-Positionen rechtzeitig prüfen.

Woher der Hexensabbat eigentlich kommt – und warum der Name irreführt

Wer bei „Hexensabbat" an Walpurgisnacht denkt, liegt nicht völlig daneben. Der Begriff geht auf die Vorstellung einer geheimen Zusammenkunft von Hexen zurück, die in der Nacht zum 1. Mai – also in der Walpurgisnacht – mit dem Teufel tanzen und Unheil stiften. Im Mittelalter war das eine ernsthafte Angelegenheit: Der Hexensabbat taucht in Prozessakten und Predigten auf, oft als Sammelbegriff für alles, was die Kirche als ketzerisch einordnete.

Hexensabbat im Mittelalter: Ein Begriff mit tödlichen Folgen

Ich will hier nicht ins Detail gehen, aber eins muss klar sein: Die Vorstellung vom Hexensabbat war keine harmlose Folklore. Sie lieferte die Erzählung, mit der Menschen verfolgt, gefoltert und hingerichtet wurden. Die berüchtigten Hexenverfolgungen der Frühen Neuzeit bauten auf genau diesem Bild auf – der geheimen Versammlung, dem Pakt mit dem Bösen, dem Angriff auf die göttliche Ordnung.

Und die Börse? Die hat sich den Begriff einfach geklaut, weil er so schön dramatisch klingt. Ehrlich gesagt ein ziemlich cleverer Marketing-Move – seit Jahrzehnten erzählt man sich an jedem dritten Freitag im Quartal von den „Hexen", die an der Börse tanzen. Nur tanzen da eben keine Hexen, sondern Derivatehändler, die ihre Positionen glattstellen.

Wie sagt man Hexensabbat auf Englisch?

Auf Englisch heißt der Termin Triple Witching Day – zu Deutsch etwa „dreifache Hexerei". Der Name kommt daher, dass drei Derivategattungen gleichzeitig verfallen. In den USA spricht man inzwischen oft vom Quadruple Witching, weil dort zusätzlich noch Single-Stock-Futures auslaufen. Im deutschsprachigen Raum hat sich dagegen der Begriff großer Verfallstag durchgesetzt – nüchterner, aber treffender.

Hexensabbat an der Börse: Was passiert da wirklich?

Stellen Sie sich vor, tausende Verträge laufen am selben Tag aus. Futures auf den DAX, Optionen auf den EURO STOXX 50, Optionen auf Einzelaktien wie Siemens oder SAP. Alle mit demselben Verfallsdatum. Und alle müssen die, die sie halten, entweder schließen, rollen oder in die physische Lieferung gehen lassen.

An der Eurex, einer der größten Terminbörsen der Welt, ist das ein logistischer Kraftakt. Die Abwicklungszeiten staffeln sich: Indexderivate der STOXX-Familie verfallen meist am Vormittag, kurz vor Mittag; Einzelaktienoptionen und DAX-Kontrakte folgen später. Wer zu diesem Zeitpunkt noch Positionen hält, hat oft nur ein paar Minuten, um zu reagieren.

Die Termine 2026 – und warum die dritte Woche zählt

Der große Verfallstag fällt immer auf den dritten Freitag im März, Juni, September und Dezember. Für 2026 bedeutet das konkret:

  • 20. März 2026
  • 19. Juni 2026
  • 18. September 2026
  • 18. Dezember 2026

Neben diesen vier „großen" Terminen gibt es noch die monatlichen kleinen Verfallstage, an denen nur bestimmte Kontrakte auslaufen. Die sorgen für weit weniger Aufregung, weil eben nicht alles auf einmal fällig wird.

Mehr Volumen, mehr Volatilität – aber kein garantierter Kurssturz

Was messbar ist: das Handelsvolumen schnellt an diesen Tagen nach oben. An manchen Verfallstagen werden an der Eurex allein bei Indexoptionen mehr Kontrakte umgesetzt als an einem durchschnittlichen Handelstag im gesamten Monat. Das ist keine Überraschung – schließlich müssen all diese Positionen abgewickelt werden.

Die Volatilität steigt ebenfalls häufig, vor allem in den letzten Handelsstunden. Aber – und das ist der Punkt, den viele übersehen – ein systematischer Kursverfall am Hexensabbat lässt sich aus den Daten nicht ableiten. Ich habe mir über die Jahre einige dieser Tage angeschaut, und das Bild ist uneinheitlich: Mal geht der DAX deutlich ins Minus, mal kaum bewegt, mal sogar ins Plus. Der Tag ist ein Abwicklungstermin, kein Crash-Termin.

Das „Pinning": Warum der Kurs manchmal an einem Strike klebt

Ein Effekt, der in vielen Erklärungen fehlt: das sogenannte Pinning. Wenn sehr viele offene Optionen auf einen bestimmten Basispreis laufen – etwa den runden DAX-Stand von 20.000 Punkten –, kann es passieren, dass der Kurs am Verfallstag genau dorthin gezogen wird. Nicht durch eine Verschwörung, sondern durch die Mechanik: Händler, die diese Optionen abgesichert haben, kaufen oder verkaufen den Basiswert, um ihre Positionen neutral zu halten. Das kann dazu führen, dass der Index minutenlang um einen Punkt herumklebt.

Ob das eintritt, lässt sich vorher nie sicher sagen. Aber wenn Sie an einem Verfallstag einen ungewöhnlich „eingefrorenen" DAX beobachten, wissen Sie jetzt, warum.

Merkmal Hexensabbat (großer Verfallstag) Normaler Handelstag
Fällige Kontrakte Futures + Optionen auf Indizes und Einzelaktien Keine oder nur einzelne
Handelsvolumen Deutlich erhöht, teils mehrfach über Durchschnitt Normal
Volatilität Häufig erhöht, besonders in den letzten Stunden Üblich
Kursrichtung Nicht vorhersehbar – keine systematische Tendenz Marktabhängig
Relevanz für Privatanleger Nur bei eigenen Derivaten – sonst gering –

Was Sie als Anleger am Hexensabbat beachten sollten

Die ehrliche Antwort: Wenn Sie nur Aktien halten und keine Optionen oder Futures, können Sie den Tag weitgehend ignorieren. Der DAX wird nicht deshalb abstürzen, weil die Hexen tanzen. Was ich allerdings in Gesprächen immer wieder merke: Viele haben gar nicht auf dem Schirm, dass sie überhaupt Derivate im Depot haben.

Der schnelle Depot-Check vor dem Verfallstag

Ein Blick in Ihr Depot lohnt sich vor jedem der vier Termine. Konkret würde ich diese Punkte prüfen:

  • Halten Sie Optionen oder Optionsscheine, die am Verfallstag auslaufen?
  • Müssen Sie diese noch schließen, oder verfallen sie wertlos?
  • Falls Sie Stillhaltergeschäfte machen: Sind Sie sich über die mögliche Zuteilung im Klaren?
  • Bei Aktienanleihen: Wird die Barauszahlung oder die Lieferung der Aktien fällig?

Ich kenne jemanden, der vor ein paar Jahren eine DAX-Option auf dem Konto hatte, die er schlicht vergessen hatte. Am Abend des Verfallstags war sie wertlos verfallen. Kein Drama, aber ein Lehrstück in Sachen Aufmerksamkeit.

Gibt es „Rituale" am Hexensabbat – und was steckt dahinter?

Im übertragenen Sinn ja: Manche Marktbeobachter sprechen scherzhaft von „Hexenritualen", wenn kurz vor Verfall die Positionen glattgestellt werden und die Kurse in den letzten Minuten ungewöhnlich stark schwanken. Dahinter steckt aber nichts Mystisches, sondern Abwicklungstechnik. Ein echter Zusammenhang zwischen den alten Hexensabbaten und dem Börsentermin besteht nicht – der Name ist reine Metapher.

Bleibt ein Gedanke

Der Hexensabbat ist ein schönes Beispiel dafür, wie ein alter Begriff ein modernes Phänomen umdeutet. Was im Mittelalter an Hexenversammlungen erinnerte, ist heute eine Eurex-Abwicklung mit festem Kalender. Und wer die vier Termine kennt – März, Juni, September, Dezember, jeweils der dritte Freitag –, für den verliert der Tag seinen Schrecken.

Vielleicht ist das die eigentliche Lehre: Die größten Aufregungen entstehen nicht durch die Mechanik, sondern durch die Erwartung. Wenn Sie nächstes Mal im Kalender sehen, dass ein Verfallstag ansteht, schauen Sie einfach in Ihr Depot. Und dann lehnen Sie sich zurück – die Hexen tanzen nicht.