Sie klicken auf "Kaufen" und der Kurs springt sofort ins Minus. Nicht dramatisch, aber spürbar. Ein paar Cent. Und Sie fragen sich, warum. Die Antwort steht fast immer in zwei Zahlen, die auf Ihrem Handelsbildschirm nebeneinander stehen und die kaum jemand beachtet: Bid und Ask.

Ich handle seit gut sechs Jahren privat Aktien und ETFs, und ich gebe zu: Die ersten Monate habe ich diese beiden Spalten schlicht ignoriert. Bis ich mich gewundert habe, warum eine Position, die "bei null" stand, beim Verkauf plötzlich Verlust machte. Das war kein Broker-Bug. Das war der Spread. Und den zahlen Sie, obwohl er nirgendwo als Gebühr auftaucht.

Wichtige Erkenntnisse

  • Bid ist der Preis, zu dem Sie verkaufen können, Ask der Preis, zu dem Sie kaufen können.
  • Die Differenz (Spread) ist ein versteckter Kostenfaktor, der bei jeder Order anfällt.
  • Der Spread schwankt stark: zwischen liquiden und illiquiden Werten liegen Welten.
  • Für den Vergleich verschiedener Anlagen ist der relative Spread in Prozent entscheidend, nicht der absolute.
  • Eine Limit-Order schützt Sie davor, zu einem schlechten Ask zu kaufen.
  • Je enger der Spread, desto liquider und meist fairer der Handel.

Bid und Ask einfach erklärt: die zwei Preise, die alles steuern

Jeder handelbare Wert an einer Börse hat nicht einen Preis, sondern zwei. Immer. Das ist der Grund, warum Ihr Broker beim Kauf einen anderen Kurs anzeigt als beim Verkauf – sogar in derselben Sekunde.

Was ist der Bid-Kurs (Geldkurs)?

Der Bid ist das höchste, was ein Käufer aktuell zu zahlen bereit ist. Für Sie als Inhaber ist das der Kurs, zu dem Sie verkaufen können. Auf deutschen Handelsplattformen heißt er häufig Geldkurs, weil hier Geld von der Gegenseite "hereinkommt".

Was ist der Ask-Kurs (Briefkurs)?

Der Ask ist das niedrigste, was ein Verkäufer aktuell verlangt. Für Sie ist das der Kurs, zu dem Sie kaufen können – auf hiesigen Plattformen der Briefkurs. Der Name kommt historisch von den Briefen (Kaufgesuchen), die früher an der Börse ausgehängt wurden.

Die Eselsbrücke, die bei mir hängen geblieben ist

Ich habe mir monatelang vertauscht, was was ist. Bis ich mir einen Satz eingeprägt habe, der ausnahmsweise mal funktioniert: "Bid = bietet mir jemand Geld. Ask = ich ask um den Preis." Anders gesagt: Bid ist das, was Sie bekommen, Ask das, was Sie zahlen.

Eine zweite Merkhilfe: Der Ask ist immer höher als der Bid. Immer. Wenn Sie in Ihrer App zwei Kurse sehen und der eine liegt über dem anderen, dann ist der obere der Ask. Die Börse verdient an dieser Lücke – der Händler, der den Markt stellt, ebenfalls.

Und genau diese Lücke ist das nächste Thema.

Bid-Ask-Spread: die Lücke, die still an Ihrem Geld nagt

Der Bid-Ask-Spread ist die Differenz zwischen Bid und Ask. Er ist der eigentliche Preis des Handels. Nicht die Ordergebühr, die steht getrennt auf Ihrer Abrechnung. Der Spread fällt still an, bei jeder Position, in jeder Sekunde.

Bid-Ask-Spread: die Lücke, die still an Ihrem Geld nagt

So berechnen Sie den Spread – mit Beispiel

Ein Wert notiert bei Bid 99,90 € und Ask 100,10 €. Der absolute Spread beträgt hier 0,20 €. In Prozent:

  • Schritt 1: Ask minus Bid = 0,20 €
  • Schritt 2: 0,20 € geteilt durch den mittleren Kurs (~100 €)
  • Ergebnis: 0,2 % relativer Spread

Klingt harmlos. Ist es aber nicht, wenn Sie häufig handeln. Bei zwanzig Trades im Monat zahlen Sie allein über den Spread annähernd 2 % Ihres Kapitals – nicht als Rechnung, sondern als kleinen, unsichtbaren Abzug bei jedem Ein- und Ausstieg.

Ich habe das 2021 selbst auf die harte Tour gelernt. Bei einer Aktie, die ich wöchentlich gekauft und verkauft habe, fehlten am Jahresende rund 4,3 % Rendite gegenüber meiner eigenen Rechnung. Nicht der Broker, nicht die Steuer. Der Spread.

Warum der absolute Spread irreleitet

Ein Spread von einem Euro klingt bei einer 20-Euro-Aktie gewaltig und bei einer 4.000-Euro-Aktie harmlos. Beide Male wären Sie falsch informiert. Entscheidend ist immer der relative Spread – die Differenz geteilt durch den Kurs. Vergleichen Sie zwei Anlagen nie mit dem absoluten Wert. Das ist, als würden Sie den Preis eines Autos mit dem Preis einer Kaffeemaschine vergleichen, ohne die Währung zu nennen.

Was die Breite des Spreads bestimmt

Der Spread ist nicht konstant. Er verändert sich von Sekunde zu Sekunde, je nachdem, wer gerade kauft und verkauft. Vier Faktoren bestimmen seine Breite – und keiner davon ist Zufall.

Was die Breite des Spreads bestimmt
FaktorEnger SpreadBreiter Spread
HandelsvolumenSehr hoch (Blue Chips)Gering (Nebenwerte)
HandelszeitKernbörsenzeitVor- und nachbörslich
VolatilitätRuhiger MarktKrisen, News, Panik
Liquidität insgesamtViele MarktteilnehmerWenige Käufer und Verkäufer

Ich habe das während der Corona-Turbulenzen 2020 deutlich gemerkt: Der Spread auf einem großen DAX-Titel, sonst bei ein paar Cent, ging an einem einzigen Vormittag auf über einen Euro hoch. Die Aktie hatte sich fundamental nicht verändert. Nur die Zahl der Marktteilnehmer, die noch bereit waren, gegenzuhalten.

Kurz gesagt: Je mehr Menschen kaufen und verkaufen, desto enger der Spread und desto weniger zahlen Sie.

Bid-Ask-Beispiele aus verschiedenen Märkten

Der Spread sieht überall anders aus. Hier ein paar Größenordnungen, wie ich sie beim Handel erlebe – ohne Gewähr und je nach Broker und Plattform sehr unterschiedlich.

Bid-Ask-Beispiele aus verschiedenen Märkten

Aktien und ETFs

Große Aktien an einer Hauptbörse handeln oft mit einem relativen Spread unter 0,1 %. Bei Nebenwerten sind Werte über 1 % völlig normal. Bei sehr kleinen Firmen mit wenigen hundert gehandelten Stücken pro Tag kann er mehrere Prozent erreichen – dort ist der Ausstieg oft teurer als der Einstieg.

Devisen und Kryptowährungen

Beim EUR/USD-Handel sprechen Devisenhändler in Pips, nicht in Cent. Große Broker stellen dort Spreads von wenigen Zehntelpips. Kryptobörsen dagegen zeigen teils sehr enge Spreads auf den großen Coins (BTC, ETH) und breite Lücken bei kleineren Token, die kaum gehandelt werden.

Anleihen – der oft übersehene Fall

Bei Anleihen ist der Spread häufig breiter, als Anleger annehmen. Staatsanleihen großer Emittenten handeln relativ eng, Unternehmensanleihen kleinerer Firmen dagegen deutlich breiter. Der Grund: Anleihen werden nicht an einer zentralen Börse gehandelt, sondern außerbörslich zwischen Brokern und Market Makern. Wer dort an einem Tag eine Position eröffnet und am nächsten wieder schließt, zahlt den Spread doppelt und verliert womöglich den halben Kupon.

Warum Ihr "Kurs" im Depot nicht Ihr Kurs ist

Auf Screenshots in Foren sehen Sie immer denselben Kurs. In Ihrer App sehen Sie einen anderen. Das ist kein Fehler, sondern die Physik des Marktes: Der angezeigte "Kurs" ist fast nie ein Kurs, zu dem Sie handeln können. Er ist oft ein Referenzkurs – häufig der letzte Abschluss oder die Kursmitte (Mid Price) zwischen Bid und Ask.

Der reale Kurs, den Sie erhalten, liegt daneben. Beim Kaufen zahlen Sie Ask, beim Verkaufen bekommen Sie Bid. Wenn Sie einen Wert im Depot halten, wird er meist zum Bid oder zur Kursmitte bewertet – beim Verkauf aber bekommen Sie nur den Bid. Genau hier entsteht der Effekt, den viele als "warum zeigt mein Broker mir Gewinn, aber ich bekomme weniger?" beschreiben.

Schutz vor dem Spread: Limit statt Market

Der wirksamste, einfachste Schutz gegen einen schlechten Spread ist die Limit-Order. Eine Market-Order kauft oder verkauft zum nächstbesten verfügbaren Ask oder Bid – also möglicherweise zu einem Preis, den Sie gar nicht wollten. Eine Limit-Order sagt: "Ich zahle höchstens X" oder "Ich verkaufe erst ab Y".

Ich habe vor Jahren mit Market-Orders auf zwei Stunden verstreut eine Order ausgeführt und mich anschließend über einen Durchschnittspreis gewundert, der deutlich schlechter war als der Screenshot. Nicht die Order war schuld. Der Spread. Seitdem nur nochlimit und, wenn möglich, in der Kernzeit einer Börse.

Was passiert, wenn ich trotzdem zu einem schlechten Ask kaufe?

Dann zahlen Sie den Spread sofort als Verlust. Die Position startet im Minus, obwohl der Markt "unverändert" ist. Bei breiten Spreads kann sich das erst nach einer Kursbewegung von mehreren Prozent wieder ausgleichen.

Ist der Spread bei allen Brokern gleich?

Nein. Der Spread ist meist eine Eigenschaft des Marktes, nicht des Brokers – aber Broker und Handelsplätze können unterschiedlich tiefe Orderbücher haben. Zwei Broker mit unterschiedlichen Börsenanbindungen können denselben Wert mit verschiedenen Spreads zeigen.

Was Sie aus all dem mitnehmen

Spread ist keine Gebühr, die jemand für Sie erhebt. Es ist der Preis dafür, dass ein Markt existiert, in dem ständig jemand bereit ist, Ihnen etwas abzukaufen oder zu verkaufen. Je illiquider der Wert, desto höher die Miete.

Wenn ich Ihnen eine einzige Regel für die Praxis hinterlassen darf: Behandeln Sie den Spread wie eine Ordergebühr, auch wenn er auf keinem Auszug steht. Wer ihn mitrechnet, handelt langfristig fast immer günstiger – und das sind am Ende oft genau die Bruchteile, die über die Rendite entscheiden.

Und falls Sie morgen in Ihrem Depot zwei Kurse nebeneinander sehen: Der obere ist nicht der "richtige". Es ist der Preis, den jemand verlangt. Der untere ist der Preis, den jemand bietet.